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Im Laufe der Jahrzwölfte



"Die 80er-Retro-Welle ist doch längst wieder vorbei" behauptet Caroline Hervè, besser bekannt als Miss Kittin, ganz im Einklang mit Berlins intellektueller Techno-Elite. Nach 5 Jahren Pionierarbeit in 80er-angelehnter Electro-Musik möchte sie wieder als Techno-Girl wahrgenommen werden.

"Das haben wir doch vor drei Jahren schon abgehakt" meint ein drum'n'bass-Musiker. Tok tok vs. Soffy O, Jeans Team und Fischerspooner sind in der Tat schon ein bis zwei Jahre zuvor in Berlins Clubs gelaufen, aber das hindert sie nicht daran etappenweise den Rest der Welt zu erobern. Freilich in kleinem Rahmen, wir stehen ja erst am Anfang der 80er-Retro-Welle.

Man vergleiche doch einmal mit dem Beginn der 90er Jahre, plötzlich war die Mode der 70er Jahre wieder angesagt. Buntes Hippietum, Batikhemden, Ethno-Look, junge Acid-Jazz-Künstler präsentierten Ideale der Nachhaltigkeit in Anlehnung an Marvin Gaye, findige Produzenten machten Welthits mit kitschig verpackten südamerikanischen Panflöten. 1992 war wie 1968.

Später folgten Plateauschuhe, Schlaghosen und der Mittsiebziger-Sound der Schlagermusik. Es dauerte noch eine Weile bis auch Männern der Griff zur Schlaghose erlaubt wurde, während männliche Plateauschuhe eigentlich schon jetzt als modische Entgleisung empfindenswert sind.

Die Musik der 70er-Jahre schlich sich nur langsam in aktuelle Produktionen hinein. Aus unauffälligen Samples wurden immer offensichtlichere Samples. Erst gegen Ende der 90er war und ist die Tanzmusik vollends durchsetzt mit dem Disco-Sound der späten 70er Jahre, tragendes Fundament heutiger Mainstream-Musikbewegungen: R'n'B, Hip Hop und Deep House, in unterschiedlichem Grad der Kannibalisierung.

Auch die jetzige Mode reflektiert den Disco-Chic. Endlich trägt man wieder beige, zunächst über den Umweg der Kombination mit schwarz (welche in den 70ern als geschmacklos eingestuft worden wäre), dann auch elegant mit Brauntönen, so wie es seit Ende der 70er nicht mehr angesagt gewesen war.

Erst jetzt bahnt sich ein Sättigungsgefühl an, was die ein Jahrzehnt lang andauernde Retrospektive in die 70er-Jahre betrifft. Nun kann man erst erkennen, dass zum Schluss dieser Bewegung ebenfalls nur die ausklingenden Aspekte der 70er-Jahre noch gefragt sind, nicht die Hippie-Ideale welche zu Beginn der 90er Jahre aktuell waren, und genaugenommen aus den späten 60ern stammten.

Manche Künstler erkannten diesen Zusammenhang so nicht. Sowohl Cliff Richard ("I just don't have the heart") wie Kylie Minogue ("Step back in time") lieferten ein Jahrzehnt zu früh glasklare Deep-House-Produktionen ab, weil sie beim allgemeinen Getöse um die Rückkehr der 70er-Jahre schon an deren Ende dachten. Dasselbe Phänomen wiederholt sich in der nun unvermeidlich stattfindenden Retrospektive auf die 80er-Jahre. Während die kreativsten Geister der Welt Spaß daran finden, den New Wave Sound von 1978, und die dazugehörige Optik inklusive schrägem Haarschnitt und schlanker Krawatte, wieder aufzugreifen, meinen andere, welche einen Goldschatz aus vertrauten Gewässern zu heben wähnen, sie könnten die immer noch unangenehm empfundenen Aspekte der späten 80er-Jahre jetzt wieder aufleben lassen. Viel zu früh. Es ist nach wie vor ekelhaft hellgrün mit lila zu kombinieren. Rick Astley, zu seiner Zeit von Stock, Aitken und Waterman als phänomenaler neuer Sound empfunden und gefeiert, wirkt immer noch überproduziert im Vergleich zum dezent lässigen Sound von "Fade to grey (Visage, 1981)" oder "Johnny and Mary (Palmer, 1980)." Und Tracy Chapman erscheint viel zu hippie-mäßig.

Wer diese Zeit miterlebt hat, tut sich natürlich schwer das so zu empfinden wie die jetzige Jugend, welche die vergessenen Aspekte der frühen 80er aufgreift so wie wir Kids der 80er Moden der späten 50er und frühen 60er aufgriffen, ohne uns dessen groß bewusst zu sein. Wichtig war nur, dass der Freak-Chic der 70er möglichst schnell hinfortgefegt werde, Hippietum und Schweinerock gleich dazu. Zur Erläuterung dieses Lebensgefühls der Abneigung empfehle ich „Goodbye 70s“ von Yazoo anzuhören. Bald durften auch Musiklehrer in den Schulen zugeben Beatles zu mögen, und bei den Schülern damit punkten. Und wenn ich an die bornierten DJs zurückdenke, welche gegen Ende der 80er überzeugt waren der Stock-Aitken-Waterman-Sound wäre das definitiv letzte Wort in Sachen Tanzmusik muss ich im nächsten Moment an so manche Techno-Legende denken. Sei es Prodigy oder Paul van Dyk, sie präsentieren uns immerzu mit demselben in grün. Dabei wachsen uns die Klänge und Moden der 90er-Jahre doch bereits aus Augen und Ohren heraus.

Die Zeit ist reif. Ein Großteil der Jugend wird sich erfreut von den 90ern verabschieden. Ein anderer, verschrocken von den unangenehmen Erinnerungen an die 80er, oder einfach verständnislos für die neuen Entwicklungen, wird sich in vertraute Clichees vergraben, ewig bis in ihr hohes Alter Kapuzen und weite olivgrüne Hiphopper-Cargohosen mit Seitentaschen tragen. Sie werden sich auf Acid-Parties zusammenfinden, welche die Hits der Bunkerzeiten wieder aufleben lassen. Ihre alten Helden werden sie mit "Old School, Baby"-Songs versorgen, welche sie ohnehin schon Paulchen oder Maximilian nennen und meistens persönlich kennen. Schon jetzt feiern sie 90er-Parties, welche im neuen Jahrzehnt die alternde Techno-Generation versorgen sollen so wie die verpönten 80er-Jahre-Parties die in Bundfaltenhosen, Polohemden und quietschbunten Sakkos stecken gebliebene 80er-Generation versorgten, die 90er-Jahre hindurch. Am Besten noch in den selben Stätten von damals, während neue Generationen die grauen Bunker lieber gegen bunte Lounges und Parketttanzböden eintauschen. Der neuen Jugend sind die ehrwürdigsten Gebäude der alten DDR in Berlin gerade gut genug: Die Staatsbank, die Kongresshalle, die Disco im Friedrichstadtpalast.

All diese Entwicklungen beobachtend, und die verblüffenden Parallelen zwischen 1978 und 2002 sowie 1968 und 1992 betrachtend, kam ich zur Vermutung, die Geschichte wiederholt sich nicht in Jahrzehnten, sondern in Jahrzwölften. Quasi ein wenig auf das chinesische Horoskop schielend wechseln sich die geraden und die ungeraden Jahrzwölfte ab und werfen einen Blick in das vorhergegangene ihrer Art zurück. Und alle zwölf Jahre wieder kommt so ein Punkt an dem das vergangene über Bord geworfen wird und das Neue seinen Anfang findet.

Im Herbst des Jahres 1991 schoss „Smells like teen spirit“ in sämtliche Charts. Sanfte Pop-Musik-Hörer entdeckten verzerrte Gitarren neu gerade als Heavy Metal in all seinen Facetten toter als tot war. In kürzester Zeit wurde der 80er-Pop, der sich bis in die 90er hineingerettet hatte, abgeschafft und von den unterschiedlich neuen Bewegungen Grunge, Hip Hop, Acid Jazz und Dancefloor House abgelöst. Lediglich die Tanzmusik hatte diese Entwicklung mit Acid und Techno schon einige Jahre vorweggenommen, so wie es jetzt mit Electro New Wave geschieht.

Wenn wir 1992 als Wendepunkt der 90er betrachten, ergäbe sich 1968 als dessen Parallele. Ebenfalls würde sich 1980 erst im Jahre 2004 wiederholen. So erklärt sich warum das neue Jahrtausend so lange mit Innovationen auf sich warten lässt. Noch ein ganzes Jahr lang müssen wir die aktuelle Krise im musikalischen Mainstream ertragen bis die neuen Jugendkulturen soweit sind, das Regiment zu übernehmen.

Nur ein Prophet wird uns sagen können, wie die neuen Strömungen aussehen oder klingen werden. Selbstverständlich wird sich Electro New Wave weiterentwickeln, egal wie es dann heißt, sich der Markenbegriff Electroclash durchsetzt, oder man einfach von Electro-Pop spricht. Ebenfalls gut im Rennen könnte die neue Spage Age Pop sein, welche die gleichnamige Musikbewegung der 60er aufgreift, die Vorfahrerin des Easy Listening. International Pony und Arling & Cameron sind Vorboten dieser Musikrichtung. Die einzige wahrlich vollkommen innovative Musikrichtung, die ich im Untergrund beobachten konnte, ist sogenannter Click-Pop. Eine Mischform aus aktuellem elektronischem Gefrickel wie er an sich für das gemeine Publikum viel zu schwer zu konsumieren ist, kombiniert mit Gesang und klassischer Komposition. Fast unbekannt ist das Bandprojekt Coloma von jenem Rob Taylor, welcher letzten Sommer mit seiner Cover-Version von "Hey little girl" einen Hit landete. Zu unrecht, da deren Album absolut richtungsweisend ist. Ebenfalls eine brandneue Kooperation zwischen Morgan Geist und Erlend Øye, dem Songschreiber von den Kings of Convenience. Dieser Track könnte weltweit das neue Jahrzwölft einläuten, wenn er nur einen Plattenvertrag finden würde. Da raten wir dem guten Erlend doch glatt den Song noch ein Jahr in der Schublade liegen zu lassen. Im Herbst 2003 ist es dann soweit.

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—— Carlo v. Loesch

P.S. Der Song läuft inzwischen im WMF und das Album kommt im Februar. Tja.